Frieden, Gerechtigkeit und die Rechte. Die Säulen der Nachhaltigkeit
im Gespräch mit Enrico Giovannini, dem Gründer und wissenschaftlichen Direktor der Italienischen Allianz für nachhaltige Entwicklung (ASviS)
Anlässlich der 30. UN-Klimakonferenz in Brasilien drängen das Thema Klimaschutz und die damit verbundenen Fragen nach einer Wende und Zukunftsgestaltung im Sinne der Agenda2030 wieder verstärkt in die Öffentlichkeit und Medien. Doch die Alarmglocken können noch so schrill anschlagen, die nötigen Reaktionen: konsequentes und gemeinsames Handeln für Klimaschutz und Eintreten gegen die fortschreitende Erderwärmung und die katastrophalen Folgen für Mensch und Natur, lassen auf sich warten.
Doch das Bewusstsein für die Probleme und die Erkenntnis, dass die Menschheit handeln muss, ist vorhanden und wird dank des unermüdlichen Engagements von Klimaaktivisten und Klimaschützern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Medien, Kultur und Gesellschaft weltweit wachgehalten. In Italien engagiert sich in diesem Sinne allen voran die Italienische Allianz für Nachhaltige Entwicklung (Alleanza Italiana per lo Sviluppo Sostenibile, ASviS), ein Verbund von über 300 Mitgliedern und Alliierten aus diversen gesellschaftlichen Sektoren (Institutionen, Stiftungen, Wissenschaftseinrichtungen, Unternehmen). Seit 10 Jahren, seit ihrer Gründung in 2016, ist der Verein Italiens kritisches und mahnendes Gewissen und treibende Kraft für nachhaltige Entwicklung.
Ihren Initiator, Gründer und wissenschaftlichen Direktor, Enrico Giovannini, Wirtschaftswissenschaftler und parteiloser Politiker, vormals Präsident des italienischen Statistikamts und ehemals Minister für Arbeit und Soziales in der Regierung Enrico Letta und für Infrastruktur und Verkehr in der Regierung Mario Draghi, konnten wir am Rande der Präsentation des ASviS Report 2025 in Rom sprechen. Der Bericht erscheint jährlich im Herbst und ist die wichtigste der zahlreichen Veröffentlichungen der Allianz. Er bietet auf Basis wissenschaftlicher Recherchen und Daten eine umfassende und kritische Analyse des Fortschritts Italiens bei der Umsetzung der Agenda 2030 und der 17 SDGs, gefolgt von politischen Empfehlungen und konkreten Strategien, um die Transformation zu gestalten.
Der Bericht 2025 stand unter dem Motto: Pace, giustizia e diritti. I pilastri della sostenibilità (Frieden, Gerechtigkeit und die Rechte. Die Säulen der Nachhaltigkeit) und wurde am 22. Oktober in einer feierlichen Veranstaltung im Italienischen Senat der Öffentlichkeit vorgestellt. Giovannini eröffnete seine Keynote mit der ernüchternden Feststellung, dass um die Umsetzung der Agenda2030 in Italien nicht gut stehe: „Aber wir sind hartnäckig, nicht blind, und auch nicht naiv. Hartnäckig in dem Glauben an die Agenda 2030, ihre Werte und ihre Ziele.“ Ergänzt und geschärft durch den im September 2024 von den UN geschlossenen Pact for the future (von ASviS unterstützt und ins Italienische übersetzt) sei sie das zentrale, weltweit anerkannte und verankerte Instrument, Krisen und Konflikten entgegenzuwirken und eine neue sozial gerechte, friedvolle und ökologisch verträgliche Weltordnung zu schaffen. Sich davon abzukehren oder die Arbeit einzustellen, wäre ein fataler Fehler.
In seinem Vortrag erläuterte er in seiner Eigenschaft als wissenschaftlicher Direktor von ASviS die wichtigsten Daten des Dokuments: Weltweit seien nur 18 % der Ziele auf gutem Weg, während die Europäische Union im Vergleich zu 2010 Fortschritte bei nur fünf Zielen (erneuerbare Energien, Arbeit, Unternehmen und Innovation, nachhaltige Städte und Bekämpfung des Klimawandels) und Rückschritte bei drei (Ungleichheiten, Ökosysteme und internationale Zusammenarbeit) verzeichne. In Bezug auf Europa hob Giovannini die Widersprüche zwischen den auf multilateraler Ebene eingegangenen Verpflichtungen und den konkreten politischen Maßnahmen hervor, insbesondere die Erhöhung der Militärausgaben und die Absenkung wichtiger Umwelt- und Sozialstandards wie übermäßige Vereinfachungen bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung und Sorgfaltspflichten. Von den 38 quantitativen Zielen, die auf europäischer oder nationaler Ebene festgelegt wurden und bis 2030 erreicht werden sollen, seien mehr als die Hälfte (58 % der Gesamtzahl) nicht mehr erreichbar.
Die Situation in Italien ist aus Sicht von ASviS kritisch. Das Tempo der Transformation hat sich in den vergangenen Jahren nicht beschleunigt, sondern eher abgenommen. Im letzten Jahr seien bei 6 Zielen Rückschritte (Ernährung, Gesundheit, Wasser, Ungleichheiten, Ökosysteme, Partnerschaften) und nur bei 3 (Bildung, Gleichstellung der Geschlechter, Bekämpfung des Klimawandels) geringfügige Fortschritte zu verzeichnen. Nur die Kreislaufwirtschaft, das Aushängeschild Italiens, hat sich deutlich verbessert.
Der doppelte Wandel (ökologisch und digital) stellt indes eine große Chance für Produktivität und langfristiges Wachstum dar. Unternehmen, die in Kreislaufwirtschaft und Innovation investieren, verbessern ihre Leistung und ihren Zugang zu Märkten. Das Risiko, an Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität für „grünes” Kapital zu verlieren, ist real. Damit die Chancen überwiegen, ist eine wirksame politische, finanzielle und bildungspolitische Unterstützung erforderlich.
Giovannini kritisiert unmissverständlich: Insgesamt verfügt Italien nicht über angemessene politische Maßnahmen, um internationalen Vorgaben und Ziele der Agenda2030 zu erreichen. Zudem bringe das Fehlen einer Strategie für die Zeit nach dem Ende 2026 auslaufenden Nationalen Resilienz- und Aufbauplans (PNRR) das Land in eine Situation extremer wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Instabilität.
Auf Nachfrage erklärt Giovannini: „Der PNRR war zweifellos eine große Chance. Ohne diesen Plan wäre Italien bereits 2025, wenn nicht sogar früher, in eine Rezession geraten. Er hat beispiellose Ressourcen für den ökologischen und digitalen Wandel, den Abbau territorialer und sozialer Ungleichheiten, die Bildung von Humankapital und die Unterstützung der neuen Generationen bereitgestellt, ganz im Sinne des europäischen Programms Next Generation EU, das mit der Absicht ins Leben gerufen wurde, einen Kurswechsel in der europäischen Politik zugunsten künftiger Generationen einzuleiten.
Doch trotz des Gesamterfolgs herrschen in Italiens Öffentlichkeit und Gesellschaft Ermüdung und Desillusionierung vor: verschobene Ziele, stockende Bauvorhaben, aufgeschobene Versprechen. Einige behaupten, es wäre sinnvoller gewesen, die Finanzmittel auf wenige Großprojekte zu konzentrieren, andere kritisieren die übermäßige Fragmentierung oder die Verzögerungen bei der Umsetzung.
Tatsächlich bedarf es einer kritischen Rückschau und Analyse des PNRR, seine außerordentliche Rolle muss anerkannt werden, aber gleichzeitig über die verpassten Chancen und die Schwierigkeiten und über die Zukunft nachgedacht werden: Was wird, was soll nach 2026 geschehen? Werden die Versäumnisse ausgeräumt, wird die begonnene Transformation im Einklang mit den Zielen und Werten der Agenda2030 fortgesetzt, und was notwendig wäre: beschleunigt? Der von der Regierung im vergangenen Jahr vorgelegte Strukturplan für den Haushalt und das kürzlich vorgelegte Vorbereitungsdokument für das neue Haushaltsgesetz bietet keine Antworten in dieser Hinsicht.“
Um einen Kurswechsel herbeizuführen, raten Giovannini und ASviS, fünf „transformative Hebel” (Governance, Humankapital, Finanzen, Kultur und Partnerschaften) zu aktivieren und in sechs „strategischen Bereichen” tätig zu werden: Gesundheit, Bildung und Kompetenzen; eine nachhaltige und integrative Wirtschaft; widerstandsfähige Ernährungssysteme und eine nachhaltige Landwirtschaft; Dekarbonisierung und universeller Zugang zu Energie; nachhaltige Städte, Stadterneuerung und Klimaanpassung; Schutz der gemeinsamen Umweltgüter, in Umsetzung der Artikel 9 und 41 der Verfassung, die auf Vorschlag der ASviS im Jahr 2022 mit der Verabschiedung eines Klimagesetzes reformiert wurden.
Außerdem wird die Aktivierung des Plans zur beschleunigten strukturellen Transformation gefordert, zu dessen Umsetzung sich Italien im September 2023 vor den UN verpflichtet hat. Er solle unter Einbeziehung der beiden wichtigsten bereits bestehenden nationalen Strategieinstrumente, der – ebenfalls überarbeitungswürdigen – Nationalen Strategie für nachhaltige Entwicklung (SNSvS) und des Strukturplans für den Haushalt, entwickelt werden. Italien müsse die Empfehlungen des Rates der Europäischen Union zum Strukturhaushaltsplan für 2024 (die weitgehend mit denen übereinstimmen, die zuletzt von ASviS im Frühjahrsbericht 2025, aber auch vom Internationalen Währungsfonds und der OECD formuliert wurden) umsetzen:
das Steuersystem gerechter und wachstums- und beschäftigungsfreundlicher gestalten; die Elektrifizierung und den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen; Bewältigung der mit dem Klima verbundenen Risiken und Abfederung ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen; Festlegung einer auf Kompetenzen und Innovationsfähigkeit basierenden Industriestrategie, die territoriale Ungleichheiten verringert; Schließung von Infrastrukturdefiziten; Abfederung der Auswirkungen der Bevölkerungsalterung auf das Wachstumspotenzial und die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen; Förderung der Qualität der Arbeit und Unterstützung angemessener Löhne; Erhöhung der Erwerbsbeteiligung, insbesondere von unterrepräsentierten Gruppen; Verbesserung der Bildungsergebnisse unter besonderer Berücksichtigung benachteiligter Schülerinnen und Schüler, auch durch die Stärkung der Grundkompetenzen; Stärkung der Kapazitäten für die Planung, Überwachung, Bewertung und Kontrolle der öffentlichen Ausgaben, was auch die Fähigkeit einschließt, die „Kosten der Untätigkeit” zu bewerten.
Der skizzierte Transformationsprozess ist komplex, aber entscheidend für die Zukunft Italiens, und muss aus Sicht von ASviS mit einem partizipativen Ansatz angegangen werden. Eine nachhaltige Entwicklung lässt sich nicht Top-down ohne die gleichberechtigte Einbeziehung von Wirtschaftsakteuren, Sozialpartnern und Vertretern des dritten Sektors erreichen. Die Bereitschaft und der Wille sind bei einer breiten Mehrheit der Italienern vorhanden: 79 % der Bürgerinnen und Bürger sind der Meinung, dass der ökologische Wandel nicht nur der Umwelt, sondern auch der Wirtschaft, den Unternehmen und den Familien zugutekommt. Das staatliche Handeln mag langsam sein, Politik und Regierungen wechseln und damit das Machtgefüge und die Prioritäten, doch die Herausforderung, dem Klimawandel und seinen Folgen zu begegnen und Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu schaffen und zu sichern, also die im ASviS Bericht 2025 beschriebenen Säulen der Nachhaltigkeit zu errichten und zu erhalten, bleibt. Es liegt an uns, den Bürgerinnen und Bürgern hier und weltweit, diese Aufgabe zu meistern.





